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21.12.08 | Rück die Geschenke raus, du rote Sau!

21. December 2008 · Archiv, Soziale Kämpfe

Die Aktion

Am letzten Sonntag vor Weihnachten machten sich fünf Weihnachtsmänner und -frauen mit rund vierhundert Geschenken auf den Weg Richtung hannöversche Innenstadt, um scheinbar unglaubliches zu tun: Dinge einfach verschenken. Entsprechend begeistert wurden die kunstvoll verpackten Päckchen den professionell Verkleideten aus den Händen gerissen; innerhalb weniger Minuten waren die dicken Säcke leer.

Allerdings: In den Päckchen waren weder Süßigkeiten, noch Produktpröbchen, noch politische Pamphlete: Ein kleiner Schnipsel von „Ihrer Interessengemeinschaft Einkaufserlebnis Innenstadt“ machte klar, dass es hier nichts geschenkt gibt. Sprüche wie „Nichts ist umsonst, Geschenke wollen gekauft werden!“, „Geschenke kosten… ich freu mich drauf!“ oder „Geschenke fallen nicht durch den Schornstein, sie werden gekauft!“ bereiteten der Ungläubigkeit ob des spendablen Weihnachtsmannes schnell ein Ende.

Im Kapitalismus gibt’s nichts geschenkt – auch nicht zu Weihnachten. Und so sehr man eben noch mit eigenen Augen gesehen hat, dass an wildfremde Leute hunderte von Päckchen verschenkt werden, so sehr holt einen die Realität beim Auspacken wieder ein – so schön könnte es sein, so bitter ist es.

Bei dieser kleinen Vorweihnachtsaktion haben wir bewusst darauf verzichtet, zum x-ten Mal denen, die es eh nicht hören wollen, und denen, die es eh schon wissen, zu erklären, warum der Kapitalismus überwunden gehört und überwunden werden kann. Bewusstsein verändert sich nicht, wenn man “den Leuten” immer wieder erzählt, wie der Laden “wirklich” läuft. Und so kompliziert und so schrecklich unanschaulich der Kapitalismus in propperen Vorweihnachtsinnenstädten funktioniert, so sehr gehört er auch und gerade da abgeschafft.
Die Geschenkaktion lehnt sich an die Strategie der “doppelten Enttäuschung” an: Mit dem Schenken ist eine Situation geschaffen, die nicht der kapitalistischen Normalität entspricht. “Man bekommt einfach so etwas geschenkt.” Manche (vor allem ältere) Weihnachtsmarktbesucher_innen lehnten das Geschenk ab, verwirrt bis misstrauisch beäugten sie das Treiben, während bei der Mehrheit schnell das Eis gebrochen war und begeistert zugegriffen wurde – von der Oma über den Rocker, von der versammelten Familie bis zu Schüler_innen und Student_innen freuten sich die meisten, immer etwas unläubig, über das unverhoffte Geschenk. Diese Situation ist die “ent-täuschende”. Tausch ist menschengemacht, ist nicht Natur sondern gesellschaftlich konstruiert. Dann kommt das Moment des Auspackens und die “Enttäuschung” – es gibt nichts geschenkt. In dieser Gesellschaft wird bezahlt, ob Weihnachten oder nicht. Die doppelte Wirkung, das Sichtbarmachen der Menschengemachtheit der Verhältnisse und anschließend die Enttäuschung, dass die Gesellschaft sich von alleine nicht verändert, haben wir hier probiert.

Angelehnt ist die Aktion an ein Konzept der Lettristischen Internationalen, einer Vorgängerorganisation der Situationistischen Internationalen: “Darin kann sich ein bewusst spielerischer Umgang mit Enttäuschung entwickeln: zum einen Ent-Täuschung als Entdinglichung. Sie entlarvt den Alltag als gemacht, die vermeintliche Naturhaftigkeit des gesellschaftlichen Seins löst sich vorübergehend auf, was defetischisierend wirkt, weil in der konstruierten Situation das eigene Handeln dem Handelnden nicht mehr als fremde Macht gegenübertreten muß, somit durchschaubar wird. Zum anderen stellt die kurze Dauer und die örtliche Begrenztheit des bewußten Erlebens eine Enttäuschung dar (…).” (Die Situationistische Internationale – Eine kurze Einführung)

Pressemitteilung zur Aktion:

“Rück’ die Geschenke raus, du rote Sau”

Weihnachtsmänner und -frauen führten am heutigen Sonntag, den 21.12.08, eine antikapitalistische Aktion in der Innenstadt von Hannover durch. Mit leeren, aber nicht inhaltslosen, Geschenken machten sie klar: “Nichts ist umsonst, Geschenke wollen gekauft werden!”

Am heutigen Sonntag, den 21.12.08, haben Weihnachtsmänner und -frauen eine antikapitalistische Aktion in der Innenstadt von Hannover durchgeführt: Bunt verpackt und mit Schleifen versehen, wurden Päckchen mit Flugzetteln in Umlauf gebracht. Parolen wie “Geiz ist geil! Kauf dein Geschenk” oder “Bescherung hat ihren Preis” machten deutlich, dass im Kapitalismus nichts verschenkt wird. Die Geschenke wurden von den PassantInnen dankend angenommen. Auch wenn viele darüber verwundert waren, dass hier Fremde etwas ohne Gegenleistung zu verteilen hatten. Durch die Aktion sollte eine gezielte Enttäuschung erreicht werden. Sonja Brünzels, Pressesprecherin der [AAH], dazu: “Mit der Aktion haben die Weihnachtsmänner in kreativer Weise auf die Bedeutung des Werts von Waren im Kapitalismus hingewiesen. Diese werden mit dem Ziel Gewinn zu erwirtschaften produziert und stehen somit nicht zur freien Verfügung – sie sind eben nicht kostenlos.” und weiter “In der Weihnachtszeit, steht oft der Gedanke des Schenkens im Vordergrund. Dies steht im krassen Widerspruch zur Logik des Kapitalismus, wo alle Waren, also auch Geschenke, einen Wert haben. Durch die hervorgerufene Enttäuschung über die nahezu leeren Geschenke sollte den PassantInnen dieser Widerspruch vor Augen geführt werden.”

Berichte

» Kreativer Strassenprotest
» indymedia

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