Aufruf
Deutsche Realitäten angreifen!
Algermissen. Ein ganz normaler deutscher Ort zwischen Hannover und Hildesheim.
Ein Ort im Grünen und eine ganz normaler Ort in Deutschland. Auf den Straßen von Algermissen herrscht rassistische “Betriebsamkeit”. Immer wenn gerade mal ein sogenanntes Volksfest auf dem Plan steht, werden rassistische Stammtisch Parolen in die blutige Tat umgesetzt. So wurde das örtliche Asylheim mehrmals von einem rassistisch aufgeheizten Mob angegriffen.
Am Samstag dem 31.August wurde eine Gruppe von vier MigrantInnen von einer Horde von etwa 20 deutschen Jugendlichen, darunter vier erkennbare Nazis, auf dem Schützenfest angegriffen. Die Flüchtlinge wurden umzingelt, beschimpft und angepöbelt. Eine gaffende Menge sah diesem Schauspiel zu, ohne einzugreifen. Die Flüchtlinge flohen zurück in ihre Unterkunft, wurden jedoch von der Gruppe verfolgt und mehrfach geschlagen. Ein Flüchtling erlitt eine Verletzung am Arm, ein zweiter eine Platzwunde am Hinterkopf, die im Krankenhaus genäht werden musste. Die zu Hilfe gerufene Polizei schützte die Flüchtlinge vor weiteren Übergriffen, nahm jedoch keine Personalien der Täter auf. Lediglich die Personalien der betroffenen Flüchtlinge wurden registriert. Danach verließ die Polizei zunächst den Ort.
Nachdem die Polizei weg war, kamen die Täter zurück und zerschlugen mehrere Scheiben der Unterkunft. Ein Flüchtling wurde durch einen Glassplitter im Auge getroffen. Von der erneut gerufenen Polizei verlangten die Bewohner nunmehr ultimativ eine Unterbringung in einer anderen Unterkunft, was von der Polizei jedoch abgelehnt wurde. Wenigstens wurde das Gebäude über Nacht von der Polizei bewacht.
Am Sonntagabend dem 01. September 02 überfielen gegen 21 Uhr etwa 50, teils mit Eisenstangen bewaffnete Schützenfestbesucher erneut die Unterkunft. Diesmal handelte es sich nicht nur um Jugendliche, sondern auch um erwachsene DorfbewohnerInnen, die lauthals rassistische Parolen grölten. Einige BürgerInnen drangen in die – nicht abschließbare – Flüchtlingsunterkunft ein, zertrümmerten eine Zwischentür und versuchten, auch die abgeschlossenen Zimmertüren aufzubrechen, hinter die sich die in Angst und Schrecken versetzten Bewohner geflüchtet hatten. Auch als die Polizei eintraf, ließen sie nicht von ihrem Tun ab, sondern schlugen weiter gegen die Tür. Sie blieben mehr als eine Stunde im Haus. Die Polizei sah sich nicht in der Lage, zu den um Hilfe rufende Flüchtlingen in den ersten Stock zu kommen. Aus der Menge wurde die Polizei aufgefordert zu verschwinden und angegriffen, eine Person wurde daraufhin festgenommen. Erst nach mehr als einer Stunde verschwanden die Angreifer.
Doch dieser pogromartige Überfall war kein Einzelfall. Im Frühjahr 2002 wurde ein Flüchtling vor seinem Zimmer ins Gesicht geschlagen und erstattete Anzeige gegen den Täter. Vor drei Monaten wurden sämtliche Wände innerhalb der Flüchtlingsunterkunft mit rassistischen und faschistischen Parolen sowie Hakenkreuzen besprüht, welche die Gemeinde beseitigen ließ, offenbar ohne Strafanzeige zu stellen. Im Sommer 2002 wurden tamilische Flüchtlinge von einem Mann, der einen in der Flüchtlingsunterkunft lebenden Obdachlosen besuchte, mit einer Gaspistole aufgefordert, „ins Haus“ zu gehen. Ständig hat es nach Aussage der tamilischen Flüchtlinge Drohungen und Beschimpfungen durch Besucher dieses Obdachlosen gegeben, die offensichtlich ungehindert in der Unterkunft ein- und ausgehen konnten. Die „Stadtoberen“ von Algermissen zeigen nun ihrerseits „Toleranz“ gegenüber den Flüchtlingen, indem sie ihren BürgerInnen mit der Parole „Ausländer raus“ Recht geben und ihrerseits „das Problem“ aus dem Ortskern entfernen möchte. Wörtlich: „Um die Situation, falls sie noch so sein sollte, zu entschärfen, wird beabsichtigt, diesen Personenkreis dezentral im Gemeindegebiet mit Wohnraum zu versorgen.“ Ein Mitarbeiter der „Ausländerbehörde“ kommentierte die Überfälle wie folgt: „die Betroffenen könnten ja zurück nach Sri Lanka gehen“ Algermissen, eine ganz normaler deutscher Ort im Grünen.
Rassismus fällt nicht vom Himmel, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft
Rassismus fällt nicht vom Himmel, sondern ist ein fester und gewollter Bestandteil dieser Gesellschaft. Mit Kampagnen wie “Kinder statt Inder”, BILD-Zeitungsartikeln à la “Der schlimmste und der ärmste Asylant” und der endlosen Debatte um ein “Zuwanderungsgesetz” sowie der Stimmungsmache konservativer und faschistischer Kreise wird ein rassistisches Klima gefördert, in dem es möglich ist, vorhandene Ressentiments blutig umzusetzen.
Das “neue Deutschland” im Zeichen des Rassismus tat seine ersten Schritte in Rostock, Hoyerswerda, Dolgenbrodt, Wurzen, manifestiert sich jetzt auch in entschlackter Form in Algermissen. Der deutsche Mob setzt die bürgerliche Definition der „Schicksalsgemeinschaft aller Deutschen“ durch rassistische Vertreibung beflissen in die Tat um. Dabei erweisen sich organisierte Neonazis und rassistische Schläger als Handlanger des deutschen Biedermanns. Der rassistische Terror hat heute einen anderen Hintergrund als vor zehn Jahren. Rassismus besteht aus Ressentiment plus Rentabilitätserwägung. In nationalem Übermut konzentrierten sich die Konservativen in den neunziger Jahren auf die Beförderung des Ressentiments – vor allem gegen Flüchtlinge. Dabei gingen sie allerdings so weit, dass deren Ausbeutung erheblich erschwert wurde. Selbst CSU-Funktionäre fingen an, über eben jenen Mangel an Billiglöhnern in ihren Hotelküchen zu lamentieren, den sie durch Massenabschiebungen selbst verursacht hatten. Rassismus wurde zum kostspieligen Vergnügen. Rot-Grün hingegen forciert den Rentabilitätsaspekt und betont die Ausnutzbarkeit der Einwanderer. Hier preschte die Regierung allerdings mit der Green-Card-Regelung so weit vor, dass sich nunmehr der völkische Pöbel beleidigt fühlte und die rassistische Balance selbsttätig wieder herzustellen versucht. Gegenwärtig übernimmt also der Mob das Ressentiment und die Elite die Rendite. Frei nach dem Motto: getrennt schlagen, vereint diskriminieren.
Auch wenn die Interessen von Elite und Mob sich zuweilen widersprechen – in der Umsetzung rassistischer Ideologie ergänzen sich beide prächtig. Die neue globale Weltordnung und lokale faschistoide Schläger sind somit nur zwei Seiten derselben Medaille. Die hiesigen Völkischen müssen daher als höhnische Karikaturen der neoliberalen Utopien der Neuen Mitte begriffen werden und als deren konsequente Vollstrecker. Was sie seit Jahren brutal exekutieren, ist nichts anderes als die eigentliche Botschaft des derzeit überall verbreiteten Toleranzgefasels. Dessen Tenor ist, dass blanker Mord wohl etwas überzogen sei und den Standort schädige.
Blanker Hohn also, wenn sich eine rot/grüne Regierung, als „Weltoffen“ und „Tolerant“ präsentiert. Geht es doch letztlich darum, nur „verwertbare“ und „nützliche“ Arbeitskräfte zu rekrutieren. Letztendlich dreht es sich um die Verwertung des Menschen im Kapitalismus und da stehen nun mal die MigrantInnen mit an letzter Stelle.
Wenn nun der oder die Vorurteilsbeladene annehmen darf, daß die Obrigkeit genauso denkt wie er/sie oder dass alle irgendwie so denken wie man selbst, verdichtet sich das Vorurteil zur Gewissheit. In diesem Kontext wirken Staat und Gesellschaft als Manipulatoren der Gewaltentladung.
Nicht zu vergessen ist auch, über Fluchtursachen und Migration nachzudenken. Im Zeichen marktstrategischer kapitalistischer Globalisierung, deren Auswirkung die Verreicherung der 1. Welt und die Verarmung der sogenannten 3. Welt ist, wird überhaupt Migration produziert. Denn wo es Krieg gibt, wo der Hunger und Elend einen in den Wahnsinn treiben, ist Flucht oder Emigration die einzige Möglichkeit zum Überleben!
Kein Anfang vom Ende
Unsere Absicht ist es nicht, Algermissen zu rehabilitieren . Wir wollen keinen Zirkus des sogenannten Aufstand der Anständigen veranstalten. Es geht uns vielmehr darum, Rassismus als eine Form der Widerwärtigkeit der herrschenden Politik zu entlarven. Es wird noch hunderte Orte wie Algermissen geben, in denen ein rassistischer Mob zuschlagen kann und Erfüllungsgehilfe des völkischen Mainstreams sein wird.
Grundsätzlich bedeutet dies, den Kapitalismus im Ganzen, als eine mörderische Form der Unterdrückung, zu entlarven.
Realitätsnah, ohne die Perspektive einer sozialen Revolution, bedeutet dies aber auch, sich mit den Flüchtlingen zu solidarisieren und sie vor dem Mob von StammtischtäterInnen, Nazis und Stadt zu beschützen. Diese Demonstration soll nicht der Anfang vom Ende sein, sondern vielmehr der Anfang vom Aufbau progressiver Kräfte. Denn nur durch die Stärkung ländlicher antirassistischer und antifaschistischer Strukturen ist zumindest ein gewisser Schutz vor Pogromen gewahrt.
Ebenfalls soll die Stadt Algermissen zu einem deutlichen Schutz der MigrantInnen gezwungen werden, da wir sonst die Stadt mit einer Vielzahl von Aktionen übersähen werden.
Antirassismus muss praktisch werden! Für den Aufbau antifaschistischer Strukturen!
Demonstration in Algermissen (bei Hildesheim) Samstag 16. November 15.00 Uhr- Bahnhof
Aufrufende Gruppen: Antifaschistische Aktion Hannover [AAH], Schwarze Strolche –Jugendantifa-, Unabhängige Antifa Wunstorf, Antifaschistisches Plenum Braunschweig, Jugend Antifa Aktion Braunschweig, Autonome Antifa (M) Göttingen, Antifa Wennigsen, Aktionsbündnis “Langenhagener Gegen Rechte Gewalt”, Autonome Antifa Gruppe Bremen (AAGB), Antifaschistisches Komitee (AK) Bremen
Die Demonstration wird unterstützt durch: Gruppe M.A.D. Hannover, Kooperative Flüchtlings Solidarität, VVN-BdA Hannover, PDS Region Hannover, Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen, Antifaschistische Aktion Hamburg/Harburg, Autonome Antifa Bad Nenndorf, yafago Erfurt, Autonome Antifa Südharz
Plakat
Fotos
Presse
Hildesheimer Allgemeine Ein Dorf zeigt…
Algermissen: Ein Dorf zeigt die kalte Schulter
Bürger meiden die “Antifaschismus-Demonstration” / 400 Teilnehmer aus ganz Norddeutschland ziehen mit starker Polizeibegleitung zum Schlichthaus
Algermissen (cwo). Mit bis zu 1500 Teilnehmern hatten die Organisatoren der Antifaschismus-Demonstration in Algermissen gerechnet. Tatsächlich zogen am Sonnabend nur knapp 400 durchs Dorf – stets begleitet von der zahlenmäßig überlegenen Polizei.
Algermissen am Sonnabendmittag, ein Dorf im Ausnahmezustand. Polizei, wohin das Auge blickt. Straßenkontrollen an den Ortseingängen. Im Rathaus haben die Ordnungshüter ihre Leitstelle eingerichtet, ringsum wimmelt es von grün-weißen Autos und Bussen. Auf dem Gehweg gegenüber beobachten drei Männer die Szene, ein Rentner kehrt die Gosse. Nicht, weil Demonstranten kommen, sondern weil Sonnabend ist. “Das ist unsere wöchentliche Arbeit”, sagt er: “Hier muss Ordnung herrschen.”
Nur 500 Meter entfernt, vorm Bahnhof, sammeln sich gerade die ersten, die diese Algermissener Ordnung durcheinander bringen wollen. Die “Antifaschistische Aktion Hannover” ist da, die “Autonome Antifa M” aus Göttingen, selbst aus Hamburg rollt ein Bus mit Jugendlichen ins vernieselte Niedersachsen. Ausgerechnet Algermissen. Das Dorf, das im Sommer Schlagzeilen machte, weil am Rande des Volksfestes Ausländerhasser über die Bewohner der Asylbewerberunterkunft herfielen. Die Polizei hat die mutmaßlichen Täter ermittelt, einer sitzt seitdem in Haft.
“Natürlich ist das noch ein Thema hier im Dorf”, sagt der Wirt des Bahnhofsbistros “Jim Knopf”. Sein Lokal ist mit Flatterband abgesperrt, drin haben sich vermummte Polizisten versteckt, den Bahnsteig mit Kamera und Fotoapparat im Visier. Den Wirt und eine Hand voll Gäste hält das nicht davon ab, mit Ordnungshütern und Medien hart ins Gericht zu gehen. Zu einseitig ermittelt, zu einseitig informiert, lauten die Vorwürfe, die so oder ähnlich von vielen Algermissenern zu hören sind. Man fühlt sich “in die Pfanne gehauen” und in die “Nazi-Ecke” gedrängt – “aber was die Tamilen vorher alles gemacht haben, danach fragt keiner!”
In der Tat: Für die Demonstranten auf dem Bahnhofsvorplatz ist dieser Aspekt eindeutig Nebensache. 15.30 Uhr, die Eröffnungsrede. “Das rassistische Treiben hat in Algermissen wieder mal einen Höhepunkt gefunden”, tönt es aus dem Lautsprecher. Es folgen Details zur “Verwertungslogik des Kapitals” und den Folgen der “Rationalisierung der Produktion”, die in dem Ausruf gipfeln: “Es lebe der Kommunismus.”
Dann setzt sich der Zug mit massiver Polizei-Eskorte in Bewegung. Die Demonstranten tragen ihre Transparente (“Kein Friede mit Deutschland”) knapp unterm Kinn, mehrere haben Sonnenbrillen aufgesetzt und ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. “Nie wieder Deutschland”, rufen sie, “Alles für alle – und zwar umsonst” und “Algermissen wir sind da: autonome Antifa!”.
Ob es diese Parolen sind, die die teilweise recht kurz frisierten Jugendlichen vorm Eiscafé in der Marktstraße so fröhlich stimmen? Fast hysterisch fangen sie an zu lachen, als der Demonstrationszug auf ihrer Höhe Halt macht. “Lasst euch von der Dorfjugend nicht provozieren”, hatte der Veranstalter die Demonstranten gebeten. Jetzt lassen sie ein paar Flüche los. Dann geht es weiter.
Rathaus, Jahnstraße, Schulstraße – wie ausgestorben wirkt das Dorf, durch das die Protestierer ziehen, gerade einmal 30 Algermissener beäugen die Fremden an der Hauptstraße; wer kann, verfolgt das Geschehen von Balkon, Terrasse oder Garten aus. Doch die Demonstranten suchen den Kontakt zu den Einheimischen erst gar nicht. Etwa vorm Schlichthaus in der Ostpreußenstraße. Nur einer aus dem Tross stellt sich dem Streitgespräch mit fünf Algermissener Jugendlichen, die ihm klarmachen wollen: “Wir haben keine Lust mehr, uns als Nazis beschimpfen zu lassen.”
Die übrigen Demonstranten lassen einen 15-minütigen Vortrag über die “Migrationspolitik der BRD” über sich ergehen. Manch einer wendet sich da lieber der problemorientierten Plauderei mit dem Nachbarn zu. Oder dem Alkohol, was am späten Nachmittag zur Lautsprecherdurchsage führt: “Ich möchte Euch dringend auffordern, mit dem Saufen aufzuhören. Das hier ist ‘ne Demo. Saufen könnt ihr heute Abend.”
Mag sein, dass es an diesen Aussichten liegt oder am nasskalten Novemberwetter – nur Minuten nach dem Demo-Ende haben sich Algermissens Protest-Gäste jedenfalls auf den Heimweg gemacht. Zurück bleiben mehrere Polizei-Hundertschaften, die ihre Sachen packen.
“Ich bin froh, dass alles friedlich verlaufen ist”, bilanziert Bürgermeisterin Ursula Ernst im Rathaus, und Gemeindedirektor Fred Faubel hofft: “Damit ist das Thema beerdigt.” Der Verwaltungs chef hat jedoch nicht alle Parolen der Demonstranten gehört. Wie hieß es doch in der Mühlenstraße? “Heute ist nicht alle Tage. Wir kommen wieder, keine Frage.”
(c) Hildesheimer Allgemeine Zeitung
HAZ: Demo in Algermissen bleibt friedlich
Demo in Algermissen bleibt friedlich Rund 400 Angehörige der linken Szene haben am Sonnabend in Algermissen friedlich demonstriert. Unter dem Motto „Deutsche Realitäten angreifen! Rassismus verhindern“ zogen sie durch das Dorf. Zahlreiche Polizisten sicherten die Straßen. Mehrere antifaschistische Gruppen hatten zu der angemeldeten Demonstration aufgerufen, darunter unter anderem die Antifaschistische Aktion Hannover und die Autonome Antifa Göttingen. Auch in Bremen, Kassel und Hamburg fanden Mobilisierungsveranstaltungen statt. Anlass für die überregionale Demo waren die Übergriffe auf Asylbewerber aus Sri Lanka nach einem Volksfest Anfang September. Zugleich solle der „rassistische Konsens der gesellschaftlichen Mitte thematisiert werden“, heißt es auf der Internetseite der Organisatoren.
Auf der Hauptstraße in Algermissen – am Wochenende sonst menschenleer – haben sich an diesem Sonnabendnachmittag um 15 Uhr zahlreiche Menschen versammelt. Dennoch ist es seltsam ruhig. Die Atmosphäre wirkt angespannt. In Grüppchen stehen Polizisten und Einwohner am Straßenrand, während sich die Demonstranten am Bahnhof sammeln. Sie halten Plakate und Flaggen. Einige sind vermummt mit Sonnenbrillen und Kapuzen. Mehrmals werden sie durch ihre eigenen Lautsprecherwagen aufgefordert, das Biertrinken zu unterlassen.
Als sich der Zug in Bewegung setzt, ist es vorbei mit der angespannten Ruhe. Die Demonstranten grölen linke Parolen, grelle Pfiffe begleiten den Pulk. Die Gruppe zieht quer durch den Ort zum „Schlichthaus“, in dem die Asylbewerber bis September wohnten. Bei einer kleinen Gruppe – offensichtlich Vertreter der Gegenfraktion – hält der Zug an. Wortgefechte ertönen, bevor die Demonstranten weiterziehen.
Die meisten Schaulustigen am Straßenrand fühlen sich provoziert. Viele schütteln den Kopf. „Dazu sage ich nichts“, sagt eine Algermissenerin aggressiv. Und dann platzt es doch aus ihr heraus: „Das ist eine Farce. Wer soll das bloß bezahlen.“ Während der „schwarze Block“ unaufhaltsam Parolen grölt, Anwohner und Vertreter der Presse beschimpft, diskutieren einige Demonstranten über den Gartenzaun mit den Einwohnern. Vor dem Schlichthaus hält der Zug. Seit den Ereignissen im September leben dort keine Ausländer mehr, nur noch ein deutscher Arbeitsloser!. Während draußen über den Lautsprecherwagen Reden erklingen, sieht man ihn durch ein Fenster fernsehen.
Eine Stunde später ist alles vorbei. Die Straßen leeren sich. „Es ist alles gut gelaufen“ sagt Polizeisprecher Walter Wallot zufrieden. „Keinerlei Störungen.“
Auch die Demonstranten aus Hamburg steigen zurück in ihren polizeigrünen Bus. „Es sind angenehme Reisende“, erzählt Busfahrer Marc Kundrus. Die Fahrt sei ganz ruhig gewesen. Und lächelnd fügt er noch hinzu: „Ältere Damen auf Butterfahrten hinterlassen mehr Dreck.“
[Hannoverische Allgemeine Zeitung, 18.11.02]
Junge Welt: Der Meute ausgeliefert
Protest der Antifa Hannover nach rassistischen Angriffen im niedersächsischen Algermissen
Das einzige, was die bürgerliche Dorfidylle in Algermissen, einem kleinen niedersächsischen Ort in der Nähe von Hildesheim, stört, ist das Flüchtlingsheim in der Hermann-Löns-Straße. In dem heruntergekommenen ehemaligen Mehrfamilienhaus waren 18 Asylsuchende aus Indien und Sri Lanka untergebracht. Wobei das Problem nach Ansicht eines erheblichen Teils der Bevölkerung weniger die ungepflegte verfallene Behausung, sondern vielmehr deren Bewohner sind. So viele »Fremde« auf einen Haufen, da sind die Probleme vorprogrammiert. So sieht es auch Gemeindedirektor Faupel, der öffentlich behauptete, die Unterbringung von 18 Flüchtlingen in einem Dorf führe »fast zwangsläufig zu negativen Vorkommnissen«.
»Negatives Vorkommnis« heißt im Klartext: Am 31. August gingen vier indische und tamilische Jugendliche zum Schützenfest. Es dauerte nicht lange, bis eine Gruppe von etwa zwanzig einheimischen Jugendlichen auf sie losging und sie beschimpfte. Die Flüchtlinge rannten nach Hause. Die Provokateure verfolgten sie und riefen dabei »Ausländer raus« und »Deutschland den Deutschen«. Es wurde zugeschlagen, zwei der Flüchtlinge erlitten Verletzungen. Die Gewalttäter blieben vor dem Haus stehen, riefen rassistische Parolen und begannen, das Gebäude zu attackieren. Die Flüchtlinge riefen die Polizei. Es dauerte eine Stunde, bis ein Streifenwagen kam. Dann wurden Personalien aufgenommen – nicht die der Angreifer, sondern die der Flüchtlinge. Danach rückten die Beamten ab.
Kaum war der Streifenwagen verschwunden, war die Meute wieder da. Flaschen, Steine und Stühle flogen. Die Flüchtlinge forderten, evakuiert zu werden. Das wurde abgelehnt. Am 1. September, machte der Volkszorn sich so richtig Luft: Etwa 50 vorwiegend erwachsene Männer, attackierten die Unterkunft. In Panik verbarrikadierten sich die Flüchtlinge im oberen Stockwerk. Die Angreifer drangen in das Haus ein und versuchten die Tür zu dem Raum aufzubrechen. Wieder riefen die Flüchtlinge die Polizei. Die Flüchtlinge konnten erreichen, vorerst in einer Flüchtlingsunterkunft in Hildesheim untergebracht zu werden.
»Es bedarf eines gesellschaftlichen Klimas, einer Grundstimmung, um das, was geschehen ist, möglich zu machen«, erklärte der niedersächsische Flüchtlingsrat nach dem Übergriff. »Als am Samstagabend vier tamilische Flüchtlinge vor einer Horde von zwanzig rassistischen Schlägern die Flucht ergreifen mußte, gab es niemanden im Dorf, der sich eingemischt hätte.« Diese Ansicht teilt auch die Antifa Hannover, die unter dem Motto »Deutsche Realitäten angreifen – Rassismus bekämpfen« zu einer Protestkundgebung in Algermissen aufruft. »Rassismus fällt nicht vom Himmel, sondern ist ein gewollter Bestandteil dieser Gesellschaft«, heißt es in dem Aufruf zu der Aktion.
* Kundgebung am Sonnabend: 15 Uhr, Bahnhof Algermissen
[aus junge Welt vom 16.11.02]
Hildesheimer Allgemeine: PDS kritisiert
PDS kritisiert Anti-Demo-Aufruf
Algermissen (r). Der Hildesheimer Kreisverband der PDS kritisiert die Aufforderung der Bürgermeisterin und Landtagsabgeordneten Ursula Ernst, Algermissener Bürger sollten heute Nachmittag um 15 Uhr nicht an der geplanten Demonstration gegen Rassismus teilnehmen, als “völlig falsches Signal”. Unzureichend seien auch die Schritte, die der Gemeinderat bisher nach den Ausschreitungen am Rande des Volksfestes unternommen habe.
Eine Sprecherin der so genannten Antifaschistischen Aktion Hannover äußert in einer Pressemitteilung die Sorge, ein Großeinsatz der Polizei würde die Demonstration kriminalisieren. “Wir fordern die Polizei auf, sich auf die Regelung des Straßenverkehrs zu konzentrieren”, heißt es dort. “Alles andere könnte zu einer unnötigen Konfrontation beitragen.”
(aus Hildesheimer Allgemeine, 16.11.02)
Hildesheimer Allgemeine: Türen zu und durch!
Die Demo-Devise: Türen zu und durch!
Gemeinde Algermissen ruft Bewohner zu Zurückhaltung auf
Algermissen (cwo/tw). Auf Algermissen kommt was zu: Um 15 Uhr soll am Sonnabend vorm Bahnhof die Demonstration “Deutsche Realitäten angreifen – Rassismus bekämpfen” starten, zu der so genannte antifaschistische Verbände aus Niedersachsen aufgerufen haben. Die Polizei rechnet zurzeit mit “gut 500″ Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet.
Polizeichef Wilhelm Burgdorf zeigt sich gelassen. “Uns liegen derzeit keine Indikatoren für eine Gewaltbereitschaft der Demonstranten vor”, sagt der Leiter der Inspektion Hildesheim. Trotzdem werde die Polizei am Sonnabend mit einer ausreichenden Mitarbeiterzahl für einen friedlichen Verlauf der Demonstration sorgen, kündigt er an.
Um 15 Uhr soll der Marsch auf dem Bahnhofsvorplatz losgehen, anschließend gehen die Teilnehmer auf einem Rundweg über die Marktstraße, am Rathaus vorbei und weiter über Jahnstraße, Schulstraße, Ostpreußenstraße, Kranzweg, Mühlenstraße und Lange Straße wieder zurück zum Bahnhof.
Die Gemeinde Algermissen ruft indessen alle Einwohner auf, sich besonnen zu verhalten und nicht von den Teilnehmern der Kundgebung provozieren zu lassen. “Besser noch: Nehmen Sie an dieser Veranstaltung nicht teil”, heißt es in dem Aufruf, den neben Bürgermeisterin Ursula Ernst auch die Vorsitzenden der beiden Ratsfraktionen und der beiden Kirchen mittragen. Sie verweisen darauf, dass einige der Demo-Gruppen im Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen aufgeführt seien.
Der Aufruf zu der Demonstration stehe im Widerspruch zum Bemühen vieler Menschen in der Gemeinde, die sich für ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen einsetzen, schreiben die Gemeinde-Vertreter. Seit den Vorfällen Ende August sei Algermissen auf einem guten Weg, erklärt Gemeindedirektor Fred Faubel: Ein Präventionsrat werde vorbereitet, der Antrag zur Teilnahme am “Impuls”-Programm des Landes Niedersachsen gegen Gewalt und für Toleranz sei abgegeben. Außerdem solle die Asylbewerber-Unterkunft demnächst für rund 45 000 Euro saniert werden.
Und nun steht die Störung durch die Demonstranten von auswärts ins Haus. Bürgermeisterin Ursula Ernst ist sich jedenfalls sicher: “Das sind Berufsdemonstranten. Denen geht es nicht um’s warum und wieso.”
Details zum “warum und wieso” sind auf einer Vielzahl von Seiten im Internet zu finden. Unter Verweis auf die fremdenfeindlichen Ausschreitungen am Rande des Algermissener Volksfestes laden Gruppen von der “Jugend Antifa Braunschweig” bis zum “Antifaschistischen Komitee Bremen” nach Algermissen ein. Dazu gesellen sich Unterstützergruppen aus dem gesamten Bundesgebiet. In Hamburg startet ein Bus, in Marburg findet ein Vorbereitungstreffen statt.
Durch die Demonstation wolle man “die Stadt Algermissen” dazu zwingen, Migranten besser zu schützen, heißt es im Internet. Andernfalls werde man “die Stadt mit einer Vielzahl von Aktionen übersehen”
(c) Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 14.11.02
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